Mit der Zeitvorgabe beginnen, nicht mit dem Stoff
Die meisten Reden werden zu lang, weil man beim Schreiben vom Stoff ausgeht und nicht von der Zeit, die einem zusteht. Legen Sie deshalb zuerst fest, wie viele Minuten Sie sprechen dürfen, und ziehen Sie davon eine Reserve ab. Wer zehn Minuten hat, plant für acht, denn Pausen, Reaktionen im Raum und ein Moment des Suchens nach dem Faden kosten immer Zeit.
In den Kursen bitte ich die Teilnehmenden, diese Zahl oben auf das erste Blatt zu schreiben. Sie wirkt wie ein Geländer: Jede Idee muss sich fragen lassen, ob sie in diese Minuten passt. Das fühlt sich anfangs streng an, entlastet aber sehr, weil Entscheidungen dadurch nicht mehr von Stimmung oder Sorge abhängen.
Rechnen Sie grob mit etwa hundert bis hundertzwanzig gesprochenen Wörtern pro Minute, wenn Sie ruhig sprechen. Ein Manuskript, das diese Menge deutlich überschreitet, wird beim Vortragen entweder hastig oder bricht ab. Beides schwächt den Schluss, auf den es am meisten ankommt.
- Zeitvorgabe notieren und eine Reserve abziehen
- Mit ruhigem Sprechtempo rechnen
- Erst die Minuten, dann der Stoff
Die eine Aussage, die bleiben soll
Bevor Sie kürzen, brauchen Sie ein Maß, woran sich das Wichtige vom Beiwerk trennen lässt. Formulieren Sie die Kernaussage Ihrer Rede in einem einzigen Satz, so als müssten Sie ihn jemandem im Aufzug sagen. Gelingt das nicht, liegt das Problem nicht in der Länge, sondern in der Richtung der Rede.
Prüfen Sie dann jeden Abschnitt mit der Frage, ob er diesen Satz stützt. Ein Abschnitt, der nur interessant ist, aber nichts beweist, erklärt oder veranschaulicht, kann gehen. Das gilt auch für Passagen, an denen Sie persönlich hängen. Oft sind es gerade die Umwege, die Ihnen beim Recherchieren Freude gemacht haben.
Schreiben Sie die gestrichenen Teile nicht fort, sondern legen Sie sie in eine Datei für später. Diese kleine Geste senkt die Hemmung beim Streichen erheblich, und manches davon findet in einem anderen Vortrag einen besseren Platz.
- Kernaussage in einem Satz festhalten
- Jeden Abschnitt daran messen
- Gestrichenes aufbewahren statt löschen
Einleitung, Hauptteil, Schluss: das Gerüst
Ein tragfähiges Gerüst besteht aus drei Teilen mit klaren Aufgaben. Die Einleitung holt die Zuhörenden ab und nennt, worum es geht. Der Hauptteil entfaltet höchstens drei Gedanken, die aufeinander aufbauen. Der Schluss bündelt und sagt, was die Zuhörenden mitnehmen oder tun können.
Schreiben Sie zuerst den Hauptteil, dann den Schluss und zuletzt die Einleitung. Erst wenn Sie wissen, wohin die Rede führt, lässt sich ein Anfang finden, der dorthin passt. Viele beginnen umgekehrt und verbringen eine Stunde mit dem ersten Satz, der am Ende ohnehin geändert wird.
Mehr als drei Hauptgedanken lassen sich in einer kurzen Rede kaum behalten, weder für Sie noch für das Publikum. Wenn Sie fünf haben, fassen Sie zwei zusammen oder entscheiden Sie sich bewusst für die stärksten drei. Das Weggelassene fehlt später kaum jemandem.
- Hauptteil zuerst, Einleitung zuletzt
- Höchstens drei Hauptgedanken
- Schluss mit einer klaren Aussage
Übergänge, die den Faden sichtbar machen
Beim Lesen erkennt man Absätze, beim Zuhören nicht. Deshalb braucht eine Rede hörbare Wegmarken: kurze Sätze, die sagen, wo man gerade ist und wohin es weitergeht. Zum Beispiel: Damit ist die Ausgangslage klar, nun zur Frage, was daraus folgt.
Solche Übergänge wirken beim Schreiben fast überflüssig, beim Sprechen sind sie unverzichtbar. Sie geben dem Publikum Halt und Ihnen selbst einen Moment zum Atmen. Planen Sie sie bewusst ein, statt sie dem Zufall zu überlassen, und markieren Sie sie im Manuskript farbig.
Achten Sie darauf, dass jeder Übergang nur eine Information trägt. Wer in einem Satz zurückblickt, vorausschaut und noch eine Nebenbemerkung einschiebt, verwirrt eher, als dass er führt. Ein Satz, ein Schritt, dann eine kurze Pause.
- Wegmarken laut formulieren
- Pro Übergang eine Information
- Im Manuskript sichtbar markieren
Kürzen in drei Durchgängen
Streichen Sie nicht in einem Zug, sondern in drei Durchgängen. Im ersten entfernen Sie ganze Abschnitte, die die Kernaussage nicht stützen. Im zweiten kürzen Sie Beispiele auf das eine, das am besten trifft. Im dritten straffen Sie Sätze: Füllwörter, doppelte Aussagen und verschachtelte Nebensätze fallen weg.
Nach jedem Durchgang lesen Sie die Fassung laut und stoppen die Zeit. So sehen Sie, wie weit Sie noch von der Vorgabe entfernt sind, und vermeiden, am Ende zu viel oder zu wenig gestrichen zu haben. Das laute Lesen deckt außerdem Stellen auf, die auf Papier glatt wirken, aber im Mund stolpern.
Sprechen Sie kurze Sätze, wenn Sie unsicher sind. Sie sind leichter zu merken, leichter zu betonen und verzeihen kleine Aussetzer. Ein straffer, ruhiger Text wirkt fast immer souveräner als ein dichter, der alles unterbringen will.
- Erst Abschnitte, dann Beispiele, dann Sätze
- Nach jedem Durchgang laut lesen und messen
- Kurze Sätze bevorzugen
Die Probe vor dem Auftritt
Eine gekürzte Rede ist erst fertig, wenn Sie sie mindestens einmal komplett im Stehen gesprochen haben. Beim Sprechen zeigt sich, ob die Reihenfolge trägt und ob die Übergänge natürlich klingen. Planen Sie dafür in diesen Herbstwochen feste Zeitfenster ein, bevor der Termin näher rückt.
Hilfreich ist ein Spickzettel mit nur den Stichworten der drei Hauptgedanken und dem ersten und letzten Satz. Den Anfang und das Ende sollten Sie auswendig können, denn dort ist die Aufmerksamkeit am höchsten und die Nervosität am größten. Dazwischen dürfen Sie frei formulieren.
Wenn möglich, tragen Sie die Rede einer vertrauten Person vor und fragen Sie nur eines: Was ist hängen geblieben? Stimmt die Antwort mit Ihrer Kernaussage überein, haben Sie richtig gekürzt. Wenn nicht, wissen Sie, an welcher Stelle noch zu viel steht.
- Einmal komplett im Stehen sprechen
- Anfang und Schluss auswendig kennen
- Zuhörende fragen, was hängen geblieben ist
Eine gut aufgebaute Rede entsteht weniger beim Schreiben als beim Weglassen. Wer die Zeit festlegt, die Kernaussage in einem Satz fasst, drei Gedanken ordnet und in mehreren Durchgängen kürzt, gewinnt Ruhe für den Vortrag. Üben Sie laut, setzen Sie hörbare Übergänge und prüfen Sie, was beim Publikum ankommt. So wird aus Material eine Rede, der man gern folgt.



