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Storytelling

Wie eine kurze Geschichte im Kurs entsteht, Schritt für Schritt

Ein Blick in die Übungsraum-Praxis: Wie Teilnehmende aus einer Alltagsszene eine kurze, tragfähige Geschichte formen und sie so erzählen, dass sie ihre Aussage stützt.

Jonas Reimers

5 Minuten Lesezeit

Wie eine kurze Geschichte im Kurs entsteht, Schritt für Schritt

Am Anfang steht keine Geschichte, sondern eine Aussage

Wenn Teilnehmende zu mir kommen und sagen, sie wollten besser erzählen, frage ich zuerst etwas anderes: Was soll Ihr Gegenüber nach zwei Minuten verstanden haben? Erst wenn dieser eine Satz steht, suchen wir nach einer Szene, die ihn trägt. Das klingt streng, spart aber Umwege. Viele beginnen mit einer spannenden Erinnerung und merken später, dass sie zu etwas ganz anderem führt als zu dem, was sie im Gespräch oder im Vortrag eigentlich sagen wollen.

In den Live-Sitzungen schreiben alle diese Kernaussage auf eine Karte und legen sie vor sich. Sie bleibt während der gesamten Übung sichtbar. Das hat einen praktischen Grund: Beim Erzählen schweift man leicht ab, und die Karte ist die ruhige Erinnerung daran, wohin die Geschichte soll. Manche ändern die Aussage nach den ersten Versuchen noch einmal, und das ist ausdrücklich erwünscht.

  • Eine Aussage in einem Satz, ohne Nebensätze
  • Die Karte bleibt während der Übung sichtbar
  • Änderungen der Aussage sind erlaubt

Die Szene suchen: klein, konkret, eigen

Gute Geschichten für den Berufsalltag sind selten groß. Es ist die Besprechung, in der etwas schiefging, der Anruf, der unerwartet half, der erste Tag in einer neuen Rolle. Ich bitte die Teilnehmenden, drei solche Momente stichwortartig zu notieren und dann den auszuwählen, der sich am deutlichsten anfühlt. Deutlich heißt: Man erinnert sich an einen Raum, ein Geräusch, einen Satz, den jemand gesagt hat.

Diese Details sind kein Schmuck. Sie sind der Grund, warum Zuhörende mitgehen. Eine Szene mit einem Küchentisch, einem Telefon und einem knappen Satz wirkt anschaulicher als jede allgemeine Beschreibung. Zugleich prüfen wir, ob die Szene wirklich zur Aussage passt. Passt sie nur halb, legen wir sie beiseite, statt sie zurechtzubiegen.

Das Gerüst: Ausgangslage, Wendepunkt, Folge

Für kurze Geschichten arbeiten wir mit einem schlichten Gerüst aus drei Teilen. Zuerst die Ausgangslage in ein bis zwei Sätzen: Wer, wo, was war üblich. Dann der Wendepunkt, an dem etwas anders kam als erwartet. Schließlich die Folge, also was sich dadurch geändert hat oder was Sie daraus mitgenommen haben. Mehr braucht es für eine Geschichte von neunzig Sekunden nicht.

Die meiste Arbeit steckt im Weglassen. Ich lasse die Teilnehmenden ihre Geschichte erst frei erzählen und dann mit einer Uhr noch einmal, mit halber Zeit. Dabei fällt fast immer auf, wie viel Vorgeschichte entbehrlich ist. Wer den Wendepunkt früher erreicht, hat mehr Raum für die Folge, und genau dort liegt die Verbindung zur eigentlichen Aussage.

  • Ausgangslage: höchstens zwei Sätze
  • Wendepunkt: der Moment, in dem es kippt
  • Folge: Brücke zur Kernaussage

Erzählen im Raum: Tempo, Pausen, Blick

Eine gut gebaute Geschichte kann beim Vortragen trotzdem verlieren, wenn sie zu schnell gesprochen wird. Aus meiner Arbeit mit der Stimme weiß ich, dass Nervosität das Tempo treibt. Deshalb üben wir gezielt kleine Pausen: nach der Ausgangslage, vor dem Wendepunkt, nach dem entscheidenden Satz. Eine Pause von zwei Sekunden wirkt auf die Erzählenden lang und auf die Zuhörenden wie ein Atemholen.

Dazu kommt der Blick. Wir erzählen die Geschichte in Paaren und dann vor der Gruppe, jeweils mit der Bitte, einzelne Personen kurz anzuschauen, statt in die Luft zu sprechen. Das fällt anfangs schwer, wird aber nach zwei, drei Durchgängen ruhiger. Die Stimme senkt sich dabei oft von selbst, weil der Körper merkt, dass jemand zuhört.

Rückmeldung, die beim Überarbeiten hilft

Nach jedem Vortrag gibt es kurzes, persönliches Feedback. Ich halte es bewusst in drei Fragen: Was ist hängen geblieben? Wo wurde ich unsicher, worum es geht? Welcher Satz war der stärkste? Die Gruppe antwortet zuerst, ich ergänze. So hören Teilnehmende nicht nur Urteile, sondern erfahren, was bei anderen tatsächlich ankommt.

Auf dieser Grundlage überarbeiten alle ihre Geschichte bis zur nächsten Sitzung. Manche streichen eine Figur, andere ersetzen den Einstieg durch einen konkreten Satz aus der Szene. Die zweite Fassung ist fast immer kürzer und klarer. Wichtig ist mir, dass niemand eine fremde Geschichte übernimmt: Sie bleibt die eigene, mit eigenen Worten und eigenem Rhythmus.

  • Was ist hängen geblieben?
  • Wo war unklar, worum es geht?
  • Welcher Satz war der stärkste?

Was Sie aus diesen Wochen mitnehmen können

Mitten im Herbst, wenn Jahresgespräche, Planungsrunden und erste Jahresrückblicke anstehen, lohnt es sich, ein oder zwei kurze Geschichten parat zu haben. Sie müssen nicht auswendig gelernt sein. Es genügt, die Aussage, die Szene und den Wendepunkt zu kennen, dann finden sich die Worte im Moment.

Probieren Sie es zunächst im kleinen Kreis aus, bei einem Kaffee oder am Anfang einer Besprechung. Achten Sie darauf, wann Ihr Gegenüber nachfragt oder nickt. Das sind die Stellen, an denen Ihre Geschichte trägt, und genau dort können Sie sie in der nächsten Fassung weiter schärfen.

Eine kurze Geschichte entsteht nicht aus Talent, sondern aus Entscheidungen: eine klare Aussage, eine konkrete Szene, ein schlankes Gerüst und ruhiges Sprechen. Im Kurs üben wir diese Schritte mit Zeit und Rückmeldung, bis die Geschichte zu Ihnen passt. Wenn Sie mit einer einzigen Szene aus Ihrem Alltag beginnen, haben Sie bereits mehr Material, als Sie vermuten.

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Zur Person

Jonas Reimers

Stimm- und Sprechtrainer

Jonas unterrichtet Atemtechnik, Diktion und Sprechtempo. Sein Schwerpunkt ist eine natürliche, tragfähige Stimme.